Lätare_2025
Predigt zu Johannes 6, 47ff
Liebe Gemeinde,
schwer beladene Kähne, unter der Last der Baumwollballen ächzend, und Vergnügungsdampfer mit lärmenden Gesellschaften an Bord durchpflügen die Wassermassen des Mississippi unter der drückenden Glut der Sonne vermischt sich der Staub der nahen Baumwollfelder mit dem Schmutz der großen Stadt. In den Docks der Stadt liegen nachts betrunkene Schwarze, aus den Saloons hört man die hämmernden Rhythmen der Ragtimepianos, aus den Kirchen das Stampfen und Händeklatschen der singenden Gemeinden, aus den Kneipen und Hinterhöfen dringen die Schreie der Bluessänger und durch die Straßen marschieren die lauten Jazzbands. So schildert Theo Lehmann in seinem Buch über Mahalia Jackson jenes New Orleans, im Süden der USA in dem jene Musik entstand, von der damals niemand ahnte, dass sie einst rund um den Erdball Konzerthallen erfüllen und Menschen inspirieren würde – Der Gospel – eine Musik die im Gegensatz zum Blues die nicht die Klage über das Leid ausdrückt, sondern die Hoffnung. Es hätte wohl Grund genug gegeben, den Blues zu singen, wenn man in elenden Verhältnissen in Schmutz und Staub gar in Sklaverei aufwächst und das Leben immer irgendwie schwierig und bedroht ist und der Tod gegenwärtig. Dennoch dem Leid, dem Unerträglichen, dem Tod etwas entgegensetzen – nämlich die Erwartung das über all das Unrecht und den Tod nicht das letzte Wort gesprochen ist, das wollten die Afroamerikaner mit jener Musik.
Die Stärke dieser Erwartung ist ihre Kraft zum Leben. Man spürt sie, wenn man die Totenzüge sieht: Bei einer Beerdigung, so erzählt Louis Armstrong, ist es typisch, dass die Trauer nur bis zum Friedhof währt, zudem langsam gegangen wird. Sobald der Pfarrer die üblichen Gebete gesprochen hat, wird alles anders. Der Trommler entfernt das Taschentuch von seinem Instrument, beim ersten Häuserblock stimmt der Chef der Kapelle ein tat-tat-tat-ta mit seinem Kornett an, die anderen fallen ein und spielen Didtn´t He Ramble oder sie nehmen die geistlichen Hymnen und machen Ragtime daraus – Zweivierteltakt verstehen Sie, damit jeder nun schneller gehen muss. Der Verstorbene ist auf der anderen Seite, um ihn muss man sich nicht mehr sorgen, vielmehr kann man die Rettung und Erlösung feiern. Und wir werden alle erlöst – das ist ihre Erwartung.
Kraftvoll klingt diese Erwartung bis hinein in unseren Gottesdienst heute. Zugegeben, wir können uns schwer vorstellen, dass die Trauergemeinde von der Trauerhalle zum Grab entlang ziehend fröhlich musiziert und singt. Haldensleben ist nicht New Orleans. Aber auch wenn es bei uns musikalisch oft ziemlich anders ist, auch wenn in unseren Gottesdiensten die Prediger nicht durch Jubelrufe unterbrochen werden, so gründet sich unser Glaube auf das gleiche Evangelium, welches in den Gospels gesungen wird.
So ist unsere Verkündigung im Unterschied zum Gospel – (ich sage mal) eher eine hoffende Verkündigung – immerhin!
Aber der Glaube kann, ja soll mehr als nur Hoffnung sein. Wir können uns heute am Sonntag Lätare (einem Freudensonntag mitten in der Passionszeit) durchaus die Frage stellen (in Anlehnung an einen bekannten Werbespruch): Hoffst du noch oder erwartest du schon?
Eine Frage die provoziert, weil sie das aufnimmt, was Jesus in einem Gespräch sagt:
Ich bin das Brot des Lebens, spricht Jesus. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer immer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit.
Jesus fordert nicht nur ein Hoffen heraus, sondern Jesus fordert Erwarten heraus. Wir alle sollen erwarten! Was? Nun dass wir leben in Ewigkeit.
Aber wie ist zu verstehen? So geht schon das Gespräch der jüdischen Zuhörer damals weiter – sie wähnten schon Kannibalismus hinter den Worten Jesu – sie hatten ihn nicht verstanden. Genauso wenig, wie jene, die im Manna (aus der Auszugserzählung der Juden aus Ägypten) allein das Sattwerden des Bauches sehen.
Was darin eigentlich zu sehen ist, dafür braucht man offene Augen des Herzens dazu braucht man den Gospel im Blut. Zu sehen ist: Alle dürfe erwarten, dass Gott rettet.
Nicht durch ein Wunder in dem etwas vom Himmel fällt und allein vorm Hunger bewahrt, sondern mehr: dass Gott da ist!
Gott ist da im Leben und im Sterben, denn so lautet Gottes Name, jener Zuspruch der einst Mose gesagt ist, als er fragte: wie ist dein Name: Und die Antwort die er vernahm war: Sage den Israeliten: Der Gott ist mit euch dessen Name lautet: Ich bin da.
Und so sagt es Jesus Frauen und Männern, die mit ihm gehen: (Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.)
Zuerst aber können sie es auch nicht glauben, nicht verstehen. Wie auch.
Nur noch drei Wochen bis Karfreitag –
Wenn ich mich innerlich in diese Zeitfolge versetze und mir vorstelle, wie sie, die Jünger und Jesus inzwischen in Jerusalem angekommen waren, abends zusammensaßen und anders, als in der gemeinsamen Zeit davor Jesus stiller geworden ist, vielleicht auch von seinen Ängsten gesprochen hat mit Blick auf das zu Erwartende, da haben sie ihn gar nicht verstehen können. Und dann eines Abends saßen sie beisammen, erzählten sich all diese Geschichten und auch vom triumphalen Einzug in Jerusalem und dem Jubel der Menge und mitten hinein in ihre Euphorie spricht Jesus plötzlich: Einer von Euch wird mich verraten.
Plötzlich verstummen alle Gespräche. Alle schauen ihn fragend an. Bin ich´s Herr? Bin ich´s? Bin ich´s?
Und er spricht davon, dass sie ihn verhaften und foltern werden, dass er leiden und sterben wird. Noch bedrückter ist das Schweigen. Keiner wagt ein Wort.
Jesus spürt plötzlich auch ihre Angst, denn was soll aus ihnen werden.
Da versucht er ihnen Hoffnung zuzusprechen und sagt: Ich bin dennoch bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.
Vielleicht Petrus oder Johannes oder Thomas werden ihn gefragt haben: Meister du kannst uns nicht trösten, denn wie soll das gehen, wie willst du bei uns sein, wenn du doch tot bist?
Einen Moment überlegt Jesus, dann nimmt er das Brot. Er bricht es und sagt: Das Brot (ist wie) mein Leib, der für euch gegeben wird. Das esst zu meinem Gedächtnis. Und er nahm einen Becher und sprach: Das ist (wie) mein Blut, vergossen für viele. Solches trinkt zu meinem Gedächtnis.
Keine Erklärung der Welt hätte ihnen in diesem Moment deutlicher machen können als Brot und Wein, dass sie nicht allein sein werden.
Verstanden oder besser erfahren haben sie es wohl erst nach Ostern, vielleicht erst, als sie zusammensaßen, nach Worten suchten und einer plötzlich wie an jenem Abend das Brot nahm und brach und den Becher mit Wein herum gehen ließ.
Da gingen ihnen die Augen auf.
Damit ist aber die Geschichte noch nicht zu Ende, die wir Ostern erzählen, auf die wir heute einen Ausblick wagen. Da beginnt sie erst richtig! Wie beginnt sie? Nun sie beginnt immer wieder, wenn wir davon erzählen, wenn wir davon singen, wenn wir tun was Jesus getan hat: Brot und Wein teilen. Das dürfen die Armen unserer Welt nicht nur hoffen, das dürfen sie erwarten und zwar auch durch uns. Mitten in einer Welt voll Tränen und Armut und Sklaverei können wir die Erwartung unserer Schwestern und Brüder teilen, dass die Welt sich erneuern wird all den egozentrischen Machthabern zum Trotz.
Schon jetzt ist etwas davon zu spüren in unseren Liedern. Schon jetzt ist davon etwas zu sehen hier mitten unter uns und durch uns. Und so borge ich mir als Aufforderung für unser Handeln jenen anderen Spruch, der da lautet: Entdecke die Möglichkeiten. Amen.
Und der Frieden Gottes und seine Zusage unter uns zu sein stärke unsere Herzen und Sinne in Christus dem Auferstandenen. Amen.