Auf ein Wort / Lesepredigten
Okuli_2025
Predigt zu Jeremia 20,9-13
Liebe Gemeinde,
um diese Gedanken nachvollziehen zu können, hilft, sich in den Propheten hineinzuversetzen. Etwa so:
»Dumpf sah Jeremia den Zwinger und den eisenbeschlagenen Holzblock in seiner Mitte, vor den man ihn nun hinsetzte. Unaufmerksam verspürte er den scharfen Schmerz, als die Büttel seine Füße stark nach außen drehten und der Block über den Knöcheln sich schloß. [...] Der Block am Benjamintor war zugleich der Pranger des Tempels. Hier wurde der Frevler nicht nur der öffentlichen Verachtung ausgesetzt, sondern dem allgemeinen Spottgezisch, das noch schwerer wiegt als Verachtung. [...] Er konnte nun selbst fühlen, wie das ist. Ja, das Gezisch und Gesumme, das Geräusper und Gelächter, die Neugier und auch das Mitleid derer, die sich um den Zwinger drängten, deckte ihn mit immer neuen Schichten zu wie Staub der Wüste.«
So erzählt Franz Werfel diese Leidensgeschichte des Propheten.
Und ich spüre den Schmerz Jeremias und jede und jeder kann ihn spüren, der ein Gefühl für Gerechtigkeit im Leibe hat. Und Jeremia konnte nicht anders, als das Unrecht hinauszuschreien, das Unrecht, das jeder vor Augen hat:
Die Reichen und Mächtigen werden immer frecher, glauben alles zu dürfen, diffamieren die Gerechten, fälschen die Maße und ihre Lügen füllen die Medien. Unliebsame Gegner werden klein geredet und verschmäht und ihr unverschämtes Treiben hat scheinbar keine Konsequenzen. Gott interveniert nicht, schreitet nicht ein, lässt kein Feuer vom Himmel regnen. Wie oft schon hat er sich das gewünscht, wie oft in den letzten Wochen und Monaten. Hat Gott ihn gar selbst betrogen, ihn, den von Gott beauftragten Propheten, dessen Wahrheit scheinbar nichts mehr gilt, die niemand mehr hören will?
Die Leute verlachen ihn und so denkt er in seiner Verzweiflung, will er auch nichts mehr mit Gott zu tun haben.
Und doch kommt er nicht los von Gott. Gott ist sein letzter Anker. So nimmt er Gott ins Gebet. In seinem Inneren sieht Jeremia die Rache, die er sich wünscht an jenen, die ihm spotten und an den Mächtigen.
Er sieht, wie sie vor Gott auf der Anklagebank sitzen. Er sieht, wie sie sich anfangs noch mit unschuldiger Miene gebärden, hört ihre Ausflüchte: Ja, das Volk hat uns doch gewählt, sie alle wollten es doch so. Und man kann doch nicht immer nur die reine Wahrheit sagen, wer soll das denn aushalten. Und natürlich geht Politik nur mit Cleverness und manchmal auch nur mit Gewalt durchzusetzen. Wir wollten doch nur, dass es für alle wieder aufwärts geht.
Genug der Ausflüchte hört Jeremia schließlich den Richter rufen.
Dieser schlägt mit dem Hammer auf das Pult und ruft Ruhe.
Hört die Anklage:
Zuerst Judas. Angeklagt wegen Verrats an der Sache Jesu, verurteilt wegen Kleinglauben.
Dann werden sie alle aufgezählt, alle jene, die sich vergangen haben am Gesetz der Ehrlichkeit und Güte:
Tausende, Millionen Namen werden aufgeführt und ihre Vergehen.
Einige Namen hallen besonders, weil sie jeder zu kennen scheint.
Tetzel- angeklagt wegen unrechter Predigt und Ablasshandel und Vorteilsnahme.
Luther wegen Verunglimpfung der Juden und Glaubenserpressung.
Ludwig der XIV. wegen Luxusschwelgerei und Völlerei.
Stalin, Hitler und ihre Schergen wegen Massen- und Völkermordes.
Trump, Musk und seinesgleichen wegen skrupellosen Egoismus und Machtstrebens und Verbreitung von Hass und Lügen;
Herr Schulze – Müller – Lehmann wegen billigenden Wegsehens damals wie heute, damals als die Juden deportiert wurden, heute wegen des Inkaufnehmens der Zerstörung der Umwelt für künftige Generationen und das nur um des Erhalts des eigenen Wohlstands und billigen Lebens auf Kosten anderer:
Simon wegen Sonntagspredigten und fehlender, der Lage angemessener Taten.
Diese Anklage hat gesessen, denkt der Prophet – und genau solch eine Anklage wünscht er sich.
Er wünscht sich alle vor das Tribunal Gottes und Rache in dieser anklagenden Weise durch Gott und ein scharfes Urteil. Etwa so:
Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden.
Und nun Herr Zebaoth, lass mich Deine Rache an ihnen sehen; denn dir habe ich meine Sache befohlen.
Und jede und jeder, der ein Gerechtigkeitsgefühl im Leib hat, kann dieses Verlangen doch nachempfinden und muss sich verschämt abwenden, weil der eigene Name genannt wurde.
Rache für all die Missetaten und die Verspottung der Gerechten, wie Jeremia ein Gerechter unter den Völkern ist.
Rache im Sinne einer Wiedergutmachung, das ist der einzige tröstliche Gedanke.
Ja, höre ich Gott, ich verstehe dich Jeremia und Euch alle, die ihr Gerechtigkeit erwartet.
Und ja, die Taten der Frevler werden geahndet.
So höre ich Gott und sehe Gottes traurigen Blick auf uns alle, die wir verwoben sind in Unrecht, die wir angeklagt sind von denen, die wir verraten haben, von der Natur, die wir missachten, von unseren Kindern, die uns vorwerfen werden, nicht genug getan zu haben um diese Welt zu erhalten. Und ich sehe Gott, wie Gott sieht auf uns, auf alles. Und da ahne ich, was Rache oder besser Ahndung bedeutet:
Nämlich das Gericht Gottes geschieht jetzt bereits und ich höre Gottes Gerichtsworte:
Alles Leben verachtende Handeln wird verworfen.
Alle Momente von Eitelkeit und Egoismus und seien sie noch klein, werden verworfen.
Alle Momente von Gemeinheit, Hass, Gewalt, Krieg werden verworfen.
Alle Lügen und falschen Worte werden verworfen.
Alles Tun des Bösen wird verworfen.
Alles Verworfene hat keinen Platz, ist keinen Buchstaben wert in Gottes Buch des Lebens. Darin ist nur das Heilvolle aufgehoben. Nur das wird sichtbar bleiben durch alle Zeiten und jenseits der Zeit.
So ist Gottes Blick auf unser Leben, Gott sieht und prüft die Gerechten, durchschaut Nieren und Herz.
So sehen die Augen des gerechten Gottes auf mich, auf uns alle, auf die Welt.
Vieles wird nicht bleiben, vielleicht aus manchem Leben nur Weniges, aber Gott sieht in jeder und jedem etwas von sich, das es zu retten, zu bewahren gilt. Dafür steht Gott ein.
Darum rühmt Gott, der des Armen Leben, also meines und deines aus den Händen der Boshaften rettet. Amen.