Auf ein Wort / Lesepredigten
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Predigt zu Psalm 126
Wir waren wie die Träumenden. Alles schien plötzlich möglich. Eggi konnte am 10. November nicht zum Rüstzeitterffen kommen. Er musste gleich los. Nach London. Verrückt, dachten wir, aber so war er.
Wir saßen auf dem Garagendach. Besonders gemütlich war es nicht. Es war immerhin November. Aber wir wollten, dass andere uns sehen. Wie glücklich wir sind. Wir ließen DT 64 laufen, den ganzen Tag. Einer sagte: Die sind verrückt geworden, die Grenzen überall zu öffnen. Ein unkontrolliertes Ende wird das geben. Uns war es egal. Wir zogen los. Heiko hatte seine Arbeitsstelle gekündigt, schon im September. Er wolle nicht mehr mitmachen. Und in der kommenden Woche will auch er in die Welt. Wer weiß wie lange das geht, sagte er.
An der Volkshochschule wurde gerade nicht mehr gelernt, sondern diskutiert. Über runde Tische und Stasiakten und die Zukunft. Es war in der Woche nach dem Mauerfall zwar äußerlich alles wie vorher. Das gleiche Tristes, rauchende Schornsteine, qualmende Mülltonnen und doch war etwas anders. Die Gesichter der Menschen. Sie hatten einen Schein in sich – von Hoffnung.
Und Sandra und Björn schmiedeten auch gleich Pläne. Im Frühjahr eine Radtour durch Norddeutschland.
Und dann wollte Sandra studieren, am liebsten in Göttingen oder Heidelberg und Björn wollte mit ihr zusammen nach Holland. Alles schien plötzlich möglich.
Und auch sonst war es eine wunderbare Zeit der Anarchie – keine Wandzeitung mehr mit Erfolgsnachrichten, keine Fahnenappelle mehr, keine Vopos vor denen man Angst haben musste.
Und alle Welt schaute verwundert, vielleicht erschrocken auf uns.
Es gab Foren in Kirchen und es war alles so unglaublich, dass es ein Wunder war und Wunder dieser Art haben etwas mit Gott zu tun. Davon waren wir überzeugt.
Das ist 35 Jahre her. Sandra hat tatsächlich im Westen studiert, in Marburg. Und Björn ist nicht mit ihr und auch nicht allein nach Holland gegangen. Sie zogen gemeinsam an die Küste, Ist ein bisschen wie Holland. Und sie bekamen Kinder, bezogen dann ein Haus. Björn engagierte sich in der Ortsgemeinde, wurde zum Bürgermeister gewählt und so lebten sie die Jahre mit allem Glück und manchem Unglück. Das Glück waren vor allem seine Kinder, die Urlaube in Skandinavien, Besuch im Legoland, das Bauen einer Stadt aus hunderten Steinen…. Das hat ihn glücklich gemacht. Das Bürgermeisteramt hat er wieder gelassen. Es gab zu viele Anfeindungen. Und seine Familie war ihm wichtiger. Und über die Entwicklung in unserem Land, über die Gier der Superreichen, die Machtgier einzelner und vor allem über zunehmende Verbitterung so vieler Menschen kam er nicht hinweg. Das hat ihn krank gemacht.
Sandra musste zusehen, wie das Leben aus ihm wich. Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Und nun ist er tot.
Björn hatte ein anderes Land erträumt damals, als sie auf dem Garagendach saßen.
Ein Land in dem sie wirklich frei wären, in dem Menschen einander mit Respekt begegnen, miteinander ….
Daran muss Sandra heute denken. Und sie hat das Gefühl von Ohnmacht. Ohnmacht gegenüber denen, die lautstark einfache Lösungen proklamieren, Ohnmacht gegenüber denen, die ihr die Preise diktieren, Ohnmacht gegenüber denen, die anderen Kriege aufzwingen, Ohnmacht gegen über Krankheit und Tod.
Wenn es Gott gibt, möge Gott doch endlich etwas tun. Einmachtvolles Zeichen, irgend etwas, das ihr hilft, das sie jetzt braucht.
Sie waren wie die Träumenden. Es war plötzlich möglich wegzugehen. Die Babylonier ließen sie gehen. Zurück in das kleine judische Land. In ihr Land, das sie gar nicht kannten, nur aus den Erzählungen.
Ein neues Land wird es werden, eine neue Zukunft, sie werden aussäen und ernten nicht für andere, die ihnen die Preise diktieren, für sich selbst. So dachten sie, könnte es werden.
und ja, sie gingen nach Judäa und sie säten und planzten.
Und unter den neuen Herrschern konnte sogar ihr Tempel wieder errichtet werden.
Aber irgendwie kam es doch anders. Frei waren sie nicht und arm blieben die meisten von ihnen.
Die Geschichte von Sandra und Björn könnte ich genauso erzählen im historischen Umfeld der Zeit, als Babylon durch Persien besiegt wurde und Israel zwar nicht wieder als Staat selbständig war, aber immerhin alle Religion wieder erlaubt war und viele Menschen Hoffnung hatten, alles werde sich endgültig zum Guten wenden.
Das hat sich nicht erfüllt.
Und in dieser Enttäuschung von Nichterfüllung entstand unter anderem der 126. Psalm. Ein Psalm der in die Zukunft schaut auf das, was werden kann. Und jene, die diese Worte verfasst und überliefert haben, müssen inmitten von Enttäuschung, Verzweiflung, Trauer dennoch davon überzeugt gewesen sein, dass das Ende der Geschichte nicht ihre Wirklichkeit ist.
Über all das Unrecht, das ganz persönliche aber auch das gesellschaftliche, über jene, die in ihrer Machtgier unersättlich sind, ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.
Und das letzte Wort Gottes wird ohnehin anders ausfallen, als unter uns üblich. So gut der Gedanke den Unterdrückten und Verzweifelten vielleicht tut, dass jeder vor dem Richterstuhl erscheinen wird, so unwahrscheinlich ist er. Denn wenn der Herr die Gefangenen Erlösen wird, werden wir sein, wie die Träumenden und unser Mund wird voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.
Und nie könnte ich lachen, wenn da ein mensch verurteilt werden würde, hinausgestoßen das Heulen und Zähneknischen sein wird. Nie könnte ich es aushalten, dass die einen hineingehen in den Festsaal und feiern und die anderen ausgesperrt bleiben.
Ich glaube, das der Himmel, die neue Welt Gottes kenen Menschen aussperrt.
Alle werden darin Platz finden, alle mit allem was in ihrem Leben gelungen ist. All das, was bei Sandra und Björn, und Heiko und bei all den anderen gelungen, von Glück erfüllt und beseelt war, all das wird bleiben und erzählt werden an diesem großen Tisch in Gottes Welthaus. Und aller Kleinglaube, alle Machtgier, alle Enttäuschung werden keines Wortes gewürdigt, vielmehr verworfen
Und es werden keinen Tränen mehr sein und kein Tod.
Sondern die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Das ist die große Hoffnungsvision der Psalmdichtung. Es ist eine Hoffnung zu der wir alle gerufen sind. Und es ist eine Hoffnung, die uns ruft, heute das mögliche zu tun.
Möglich ist zuirückblicken auf gelungens und darauf warum es gelungen ist.
Möglich ist, sich das im Herzen zu bewahren, was mir Kraft und Mut gegeben hat.
Und möglich ist, das mit anderen zu teilen, einander so Mut zusprechen.
Hoffnung teilen mit unseren Geschichten der Vergangenheit, die Zukunft erträumen.
Das will ich tun.
Amen.