Auf ein Wort / Lesepredigten
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Predigt zu Apg 16,9ff
Es war im Jahr 1536. Der sächsische Kurfürst Johann Friedrich beschloß die Juden aus Sachsen auszuweisen.
Luther wurde damals gebeten, sich für die Juden und ihre Rechte einzusetzen. In einem Brief an den Juden Jesel von Rosheim antwortet Luther, dass er schon für die Juden gegenüber dem Kurfürsten eintreten würde, aber nur unter der Bedingung, dass sie sich zu Christus bekennen.
Denn die Intention seiner „judenfreundlichen“ Schrift von 1523 sei gewesen, den Juden Christus näher zu bringen, und nicht sie in ihrem „Irrtum“ zu bestärken.
Es gab keinen weiteren Schritt aufeinander zu.
Was aber wäre anders gelaufen, hätte Luther ernsthaft das Gespräch mit Rosheim gesucht? Es wäre womöglich ein Dialog in Gang gekommen. Wären sie hineingegangen in den Dialog ohne Bedingung, ohne Vorsatz, dass am Ende eine Bekehrung heraus kommen müsse.
Vielleicht hätte es am Ende eine gegenseitige Wertschätzung geben können, vielleicht hätte es einen Austausch geben können über die Gottesfrage, über das zu reformierende, vielleicht hätten sich die beiden Schwestern, Kirche und Synagoge annähern können …
Luther hätte seine spätere Schmähschrift gegen die Juden nicht geschrieben.
Die Judensau an der Stadtkirche Wittenberg, am Dom zu MD und an vielen anderen Orten hätte es nicht gegeben.
Die Kirche hätte sich anders entwickelt. Es wäre noch früher zur Aufklärung gekommen. Die Rassisten und ihnen folgend die Nazis hätten keinen Rückhalt gehabt in der Kirche und es hätte sicher keinen Millionenfachen Mord an unseren jüdischen Schwestern und Brüdern gegeben.
Nein Luther war nicht schuld an all dem, aber hätte er anders agiert, die Geschichte hätte womöglich einen anderen Lauf genommen.
Diese Geschichte ist ein Hinweis darauf, wie Menschen sich in Beziehungen zu anderen entscheiden können.
Menschen können sich entscheiden und mitunter werden mit Entscheidungen Weichen für Künftiges, gar für nachfolgende Generationen gestellt. Vielleicht ist gar heute ein solcher Tag mit der Bundestagswahl.
Wir gehen 2000 Jahre zurück in die Zeit der zweiten Missionsreise des Apostels Paulus.
Die viel ältere Geschichte der Missionierung durch den Apostel Paulus wäre womöglich auch anders verlaufen, hätte es nicht jene Begegnung des Paulus mit der Purpurhändlerin Lydia gegeben, von der heute die Rede ist.
Dieser Begegnung ging ein Traum voraus: Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!
Paulus war kein Mann des langen Zögerns.
Sogleich suchten sie nach Mazedonien zu reisen. Die Reiseroute wird beschrieben. Von Troas nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi.
Nicht zufällig werden diese Orte genannt und man darf annehmen, dass Paulus und seine Begleiter die Zwischenstationen nutzten um das Evangelium zu verkünden.
So kamen sie nach Philippi.
Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde.
Sie ließ sich in Folge der Begegnung und Predigt des Paulus taufen. Ein kurzer Satz verweist darauf.
Und eigentlich – so darf man annehmen – waren Paulus und seine Begleiter schon fast wieder unterwegs zum nächsten Ort, zu den Nächsten um ihnen das Evangelium zu verkünden (von einem GD zum nächsten), doch die Purpurhändlerin Lydia hielt sie auf.
Sie bat uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.
Lydia wollte mehr als nur ein Wort der Verkündigung und eine schnelle Taufe. Lydia wollte das, was christliche Gemeinschaft ausmacht, das mehr ist als Bekenntnis und Zugehörigkeit.
Sie wollte Zusammengehörigkeit. Zusammengehörigkeit entsteht durch Beziehung die Menschen miteinander knüpfen, durch Zuwendung, durch Gespräch, durch Dialog.
Zuwendung, Beziehung miteinander pflegen, im Gespräch sein, hat Paulus –vielleicht besonders durch Lydia gelernt, ist wichtig. Zuwendung, im Gespräch sein auch über strittige Fragen mit den Christen in Philippi, in Korinth…viele Briefe zeugen davon. Sie zeugen davon, dass es nicht reicht zu predigen.
Längst wissen wir, wie wichtig das einander Zuwenden ist.
Ich kann die erstaunlichsten Kirchenbauprojekte voranbringen, die großartigsten Gottesdienste feiern, wenn die Beziehungen der Menschen in einer Gemeinde nicht funktionieren, wenn Menschen nicht über ihren Glauben und das was sie bewegt, miteinander im Gespräch sind, wenn es keine gegenseitige Anteilnahme gibt, wird all das Glanzvolle bald den Glanz verlieren.
Hätte ich die Liebe nicht – so schreibt Paulus in einem Brief an Christen in Rom, so wäre all das andere nicht viel wert.
Gäbe es keine Zuwendung in Beziehungen, es wäre alles vergebens.
Unsere Kirche, unsere Gemeinde, unsere Wirkung in die Gesellschaft hinein, in unsere Stadt all das steht und fällt mit der Art, wie wir Christen uns einander und anderen Zuwenden. Das heißt nicht, dass ich alle Meinungen aushalten oder tolerieren müsste. ,Im Gwegenteil, Widerspruch ist mitunter nötiger denn je.
So wie einst Paulus sich für eine Vertiefung der Begegnung mit Lydia und folgend mit den Gemeinden entschieden hat und Luther gegen einen Dialog mit Rosheim, sind wir stets auch gefordert uns zu entscheiden. Ich will helfen Gottes Wort, die Saat der Liebe und Menschlichkeit zu säen.
Das kann nie genug sein, wie uns das Gleichnis vom vierfachen Acker vor Augen führt. Gottes Wort der Liebe trotz Disteln und versteinertem Boden möge reichlich wachsen.
So soll es sein.