Auf ein Wort / Lesepredigten
Okuli_2025
Reminizere_2025
Estomihi_2025
Sexagesimae_2025
Septuagesimae_2025
Predigt zu Prediger Salomo 7, 15-18
Weil ich heut Geburtstag hab
heute keine Anschläge, keine Hassworte, keine dumpfen Parolen.
Und dann wünsche ich mir nette Geburtstagsgäste hinzu. Sie sind/ ihr seid ja schon mal alle da, natürlich in erster Linie zum Gottesdienst, aber vielleicht auch zu einem Kaffee im Anschluss. Auch wenn man lt. Knigge zum Geburtstag nicht einlädt, habe ich doch einige angesprochen. Manche können nicht da sein. Und eigentlich möchte ich ja noch, schon von Berufswegen, Gott mit an der Geburtstagskaffeetafel.
Aber vielleicht wäre das auch gar nicht der rechte Zeitpunkt für ein tiefgründigeres Gespräch und meine Fragen, die mir auf den Nägeln brennen. Denn zum Geburtstag will ich mich freuen und nicht ärgern.
Aber nun ist es schon mal angeklungen, dass mein schon ziemlich groß ist über all die Ungerechtigkeit.
Das fing bei mir schon an in der Schule. (ich hatte es schon einmal erzählt) Das Ralf, der eigentlich immer ein bisschen faul war und sich in irgendeinem Jahr plötzlich verbessert hatte, einen Büchergutschein bekam. Er hatte immer noch einen schlechteren Durchschnitt als ich. Aber ich bekam keinen Gutschein.
Und wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte, habe ich mich bei den Lehrern beschwert, auch darüber übrigens. Am Ende stand in einem meiner Zeugnisse: Matthias muss lernen die Entscheidungen der Lehrer zu akzeptieren.
Ja, kann ich, wenn mir die Sache einsichtig ist.
Und so geht es mir bis heute.
Und wie ich sehe, bin ich nicht der Einzige. Die Sache mit den Arbeitern im Weinberg sehe ich ja ein. Sie alle brauchten mindestens einen Silbergroschen um mit Ihren Familien zu überleben.
Aber all das Unrecht unserer Tage, die Verleumdungen, der Hass, die Aufrechten werden nicht mehr gehört. So war es wohl schon damals:
Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit – so der Prediger.
Wobei ich bei weiterem Lesen nicht ganz sicher bin, wie der Prediger nun zu scheinbar unabänderlichen Ungerechtigkeiten steht.
Da sehe ich auf Gott, der neben mir sitzt. Die Kaffeetasse in der Hand. Und Gott schaut mich an. Dann nach einer Weile sagt Gott: Das ist ein schönes Kaffeeservice!
Ist von meiner Mutter, erwidere ich. Ja, klar, das weißt Du ja. Du bist ja Gott.
Und dann sprudelt es erneut aus mir heraus:
Du weißt doch alles, auch wie es um die Welt steht. Die frechen Milliardäre werden in ihrer Arroganz immer unverschämter. Viele Menschen denken nicht mehr an morgen, an ihre eigenen Kinder und Enkel, Hauptsache wir haben jetzt noch mal Spaß.
Es wird weitergelebt, als hätten wir mehrere Erden.
Ich habe es nun schon die letzten Sonntage beklagt und bin es leid.
Nicht viel anders ist es mit meiner Kirche. Die Leute sterben. Junge Leute lassen ihre Kinder nicht mehr taufen, warum auch, wenn sie überhaupt Kinder haben wollen. Vielen genügt ja auch ein Hund und da stellt sich die Frage der Taufe sowieso nicht.
Und dann sollen wir mit weniger Leuten den ganzen Kirchenkram, die Gebäude, Kindergärten usw. verwalten. Den Superintendenten scheints nicht zu interessieren oder er kann auch nichts machen.
Wer soll das noch schaffen? Da wird sich niemand mehr für den Gemeindekirchenrat melden. Selbst wenn es in jeder Sitzung Himbeertorte gibt. Hörst Du mir zu Gott?
Gott schlürft noch einen Schluck Kaffee, setzt dann die Tasse liebevoll ab und schaut mich an. Ohne das Gott etwas sagen muss verstehe ich.
Ja, es tut meiner Seele nicht gut, mich so aufzuregen. Es erhöht den Blutdruck und ich bekomme Verdauungsbeschwerden, am Ende noch Prostatakrebs.
Nein das brauche ich nicht. Da hast Du recht, Gott.
Ich muss nicht mal kurz die Welt oder die Kirche retten. Ich sollte nicht zu gerecht oder weise sein. Ich brauche irgendwie mehr Gelassenheit.
Also kümmere ich mich mal um mich.
Da gäbe es noch einiges an meiner Modelleisenbahn zu bauen. Dann kann ich auch bald im Garten Radieschen aussäen, Paddelboot fahren, auf der Holly liegen, die wir noch nicht haben, aber darüber kann ich ja nachdenken. Und abends schaue ich mir Filme an, lese die spannenden Krimis von Tana French und weiß, das alles hat mit mir nichts zu tun.
So kann ich gelassen meinen Ruhestand genießen.
Irgendwie spüre ich, dass Gott plötzlich einen traurigen Blick hat.
Ja, ich glaube, jetzt habe ich´s mit meiner Trotzreaktion übertrieben. Nein, das will ich nicht. Ich will mich nicht von Gott und Gottes Welt abwenden.
Nur bei mir sein, da wäre ich sicher bald ziemlich einsam, vielleicht gar aller Dinge überdrüssig. Ja, es wäre töricht. Da hast du wohl recht.
Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt –
Hast du, Gott, gerade etwas gesagt?
Ich lausche in die Stille.
Dann fällt mein Blick wieder auf die Buchstaben vor mir.
Kohelet, der Prediger hat die Worte aufgeschrieben.
Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt.
Ich glaube, Gott versucht mich die ganze Zeit zu erreichen. Die ganze Zeit versucht Gott uns alle zu erreichen mit diesen Worten.
Ich soll sie durchdenken, mir zu Herzen nehmen, am Besten mit anderen gemeinsam diskutieren, wie es die Weisen Israels getan haben, wie sie es noch heute tun. Einige zumindest, vielleicht sogar viele, mehr als ich denke.
Das ändert die Welt nicht, nur ein Stück vielleicht, ein Stück in mir, um mich herum.
Und ich sehe sie vor mir: Männer und auch Frauen am Sabbat an der Klagemauer in Jerusalem, wie sie lesen, reden und dann die Bücher beiseitelegen und tanzen und singen und das Leben preisen, das oft ungerecht ist, aber so unendlich reich und erfüllt.
Ja, so will ich es tun, mich nicht beirren lassen, Gott, der Liebe, dem Leben trauen und nicht aufhören das Gerechte zu versuchen.
Gern mit Ihnen/ Euch gemeinsam.
Amen.