Auf ein Wort / Lesepredigten
Okuli_2025
Reminizere_2025
Estomihi_2025
Sexagesimae_2025
Septuagesimae_2025
4. So. vor der Passionszeit
letzter So. nach Epiphanias
3. Sonntag nach Epiphanias
Predigt zu Joh 4,51ff
Ich empfand die vergangene Woche wie viele Menschen als sehr turbulent. Es hat sich viel ereignet, tragisches, problematisches, fragwürdiges. Und ja, das Jahr hat schon ganz schön Fahrt aufgenommen gerade auch durch die zurückliegenden Ereignisse.
Und ich habe das Gefühl, ja für einen Moment innehalten, abschalten, das wäre doch dran.
Sozusagen zur Besinnung zu kommen.
Mir kommen Fragen in den Sinn:
Warum ist mein Leben so vielen Zwängen untergeordnet und oft von Nachrichten beeinflusst die meine Kraft verschleißen?
Warum grenzen sich Menschen immer von anderen ab?
Was ist es, dass ich eigentlich will? Wo kann ich mich einbringen? Was ist es, das mir guttut?
Solche Lebensfragen können durch harmlose Ereignisse ausgelöst werden, durch ein Bild, einen Film, ein Wort, eine Begegnung. Überraschend komme ich, kommen wir manchmal durch äußere Ereignisse zum Nachdenken über uns selbst und die Welt in der wir leben.
So jedenfalls ging es einer Frau damals vor 2000 Jahren in Samarien, von der unser heutiger Predigttext erzählt.
Jesus begegnet dieser samaritanischen Frau an diesem Brunnen, dem Jakobsbrunnen.
Das ist nicht irgendein Ort. Dieser Brunnen, wie wohl überhaupt Brunnen besondere Orte sind, Orte der Begegnung und Verwandlung. Hier kommen Menschen zusammen, mitunter gar verschiedene Welten.
Bei Frau Holle führt der Brunnen in eine andere Welt. Durch den Sprung in den Brunnen wird die Grenze in diese himmlische Welt überwunden.
Und in der Episode, die Johannes erzählt, geschieht genau das: Eine Grenze wird überwunden.
Es geschieht, als sie, die Frau aus Samarien ein fremder Mann um Wasser bittet. Sie wird erschrocken sein und sich fragen, wie er, ein jüdischer Mann dazu kommt.
Die Juden verkehren nämlich nicht mit denen aus Samarien.
Und es ist ganz unüblich, dass ein Mann eine Frau bittet.
So werden in diesem Moment gleich zwei Grenzen überwunden.
Es sind Grenzen, die allezeit da sind, scheinbar nie verschwinden, ja gar immer wieder errichtet werden.
Dieser Tage erleben wir es, dass ein Präsident nicht eiligeres zu tun hat, als die Grenzen absolut dicht zu machen. Dieser Tage erleben wir, wie auch hier der Ruf ertönt, Grenzen dicht.
So weit die Gründe noch nachzuvollziehen sind, so wird es absurd und menschenfeindlich, wenn da die Grenzen in unseren Köpfen dichter und dichter werden zwischen uns und jenen, die äußerlich anders aussehen und jenen, die anders glauben und jenen, die andere Lebensauffassungen teilen.
Das errichten solcher Abgrenzungen in Köpfen hat einst Auschwitz erst möglich gemacht, das sollten wir nicht vergessen.
Es braucht darum heute den Mut Jesu, Grenzen zu überwinden. Damit ist nicht alles gut, aber ein Weg ist gebahnt.
Solche mutigen Menschen gibt es. Die Bischöfin von Washington DC, Mariann Edgar Budde sprach im Gottesdienst nach der Amtseinführung des US-Präsidenten diesen direkt an und erinnerte daran, was Christsein bedeutet.
Und diese Erinnerung brauchen wir alle und zuweilen gerade die Mächtigen.
Es bedeutet in meinem Gegenüber nicht zuerst einen Migranten, einen Fremden, einen der nicht hierhergehört, sondern einen Menschen zu sehen.
Ich glaube, dass jene Christenmenschen, die das leben, sich über andere erbarmen, folgen den Spuren Jesu, leuchten, wie die Goldmarie im Märchen von Frau Holle.
Und jene, die erbarmungslos sind, die Rufe nach Erbarmen überhören, die Erbarmungswürdige gar verunglimpfen und nur an das eigene Heilsergehen denken, für jene steht das Bild der Pechmarie. Die Erbarmungslosigkeit wird an ihnen kleben wie Pech, so werden sie in die Geschichte eingehen.
Und da kommt noch eine weitere Grenze in den Blick, auf die mich die biblische Episode hinweist:
Jesus gibt dieser Frau aus Samarien ganz unvermittelt zu verstehen, wer er selbst ist.
Ja wer ist er? Er ist einer, der ihr lebendiges Wasser geben kann.
Ganz abgesehen davon, dass er kein Schöpfgefäß hat, sollte er die Fähigkeit haben, ihr ein Wasser zu geben, das all ihren Durst stillt?
Ihr Durst ist doch jener nach existenzieller Absicherung, nach Wohlergehen, nach Gesundheit.
Angenommen er könnte es, angenommen, er hätte ihr das Wasser geben können, dass ihr Bedürfnis stillt, ihr Bedürfnis nach materieller also äußerlicher Befriedigung, ein Wasser, dass sie an das Ziel ihrer Wünsche führt, angenommen er hätte ihr, so ein Wasser gegeben, was dann?
Wäre sie damit zufrieden gewesen? Wäre ich, wären Sie zufrieden, wenn alle materiellen Bedürfnisse erfüllt wären? Wären wir zufrieden, wenn unsere Wünsche für dieses Jahr sich erfüllen würden, wenn die Arbeitslosen Arbeit bekämen, wenn die Einkommen aller so wären, dass die Sozialämter überflüssig würden, wenn die Schule so organisiert wäre, dass keiner mehr Angst vor Arbeiten, keiner mehr langweilige Unterrichtsfächer ertragen müsste, wenn sich endlich Frieden im Gazastreifen, im ganzen nahen Osten und in der Ukraine durchsetzen würde. Was wäre, wenn sich persönliches Wohlergehen und das in unserer Welt erfüllen würde? Wären wir zufrieden, wenn sich all diese Wünsche erfüllen würden? Wäre es wirklich genug?
Längst wissen wir, dass es nie genug ist, dass immer wieder neue Wünsche, neue Perspektiven in uns aufsteigen, die nach Befriedigung verlangen.
Dass neue Wünsche immer wieder erwachen, wenn die alten befriedigt sind, ganz so wie mit dem Durst, der zwar vorübergehend gestillt werden kann, doch die Kehle sich bald wieder trocken anfühlt, entspricht unserer Natur.
Und hätten wir alles, so bliebe am Ende immer noch der Wunsch nach ewigem Leben, der sich ja in unserem Glauben ausdrückt, dessen Hoffnung wir immer wieder neu bekennen.
Was erwartet diese samaritanische Frau, die schließlich Jesus um genau dieses Wasser bittet?
Wir wissen es nicht genau, können nur vermuten, dass Jesus sich nicht richtig verstanden fühlt, denn abrupt bricht er das Gespräch ab.
Und eigentlich ist es schade, dass hier der Predigttext zu Ende ist, denn erst jetzt werden der Frau die Augen geöffnet:
(V 16 – 19)
Verwirrt muss die Frau Jesus entgegnen, dass sie keinen Mann hat und dieses Eingeständnis wird jetzt zum entscheidenden Wendepunkt des Gesprächs: Zweimal weist Jesus sie darauf hin, dass sie damit die Wahrheit über sich selbst sagt, dass ihr in diesem Moment die Tragödie ihres Lebens, all ihre Unerfülltheit bewusst wird. Fünf Männer, sagt Jesus, hat sie gehabt und der, den sie jetzt hat ist auch nicht wirklich ihr Mann.
Endlos kann also auch das Verlangen nach Liebe immer wieder gleiche Enttäuschungen hervorbringen.
Diese Erkenntnis ist so wichtig, dass die Frau später, als sie wieder in ihrem Dorf ist, den Leuten die entscheidende Entdeckung ihres Lebens sagen wird: „Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe“.
Das heißt, durch das Gespräch mit Jesus hat sie sich zum ersten mal selbst erkannt, vielleicht zum ersten mal gesehen, wodurch sie immer wieder unglücklich wurde, zum ersten mal gesehen, dass die Ansprüche die sie an sich selbst und an ihre Partnerbeziehung stellt zu hoch waren. Die Bereitschaft, das zu erkennen ist gleichsam dem Überwinden einer Grenze in mir selbst.
Wenn Jesus das Wasser gibt, das in einem Menschen zur sprudelnden Quelle wird, woraus ewiges Leben hervorkommt, dann meint er nicht ein Leben in irgendeiner Zukunft, dann meint er das Leben jetzt und hier, das gelingen soll.
Was die samaritanische Frau forthin anders machen soll, das sagt ihr Jesus nicht.
Sie selbst wird es für sich entdecken. Einem Menschen, dem die Augen geöffnet sind, der die äußeren und inneren Grenzen als überwindbar sieht oder erlebt hat, der wird Wege finden, die zu ewigem Leben, das heißt zu erfülltem Leben führen,
der wird die Quellen sehen, die ihm Lebenskraft geben.
Mir jedenfalls hat diese Geschichte den Blick dafür geschärft, zu schauen, was unser Leben beeinträchtigt und Glück verhindert. Sie weist darauf hin, uns in aller Gefangennahme durch Alltagszwänge, durch Medien und Ereignisse auf die Kraftquellen unseres Lebens zu besinnen. Was können Kraftquellen sein?
Die einen können vielleicht sagen, es war meine Taufe, andere sagen vielleicht, es ist das Abendmahl.
Mir zeigt die Geschichte mit der samaritanischen Frau, dass sich solche Quellen, aus denen ich Leben schöpfe mitunter ganz plötzlich erschließen, mitten im Alltag.
Das kann ein Gespräch am Wegesrand sein, ein Spaziergang am Meer, die Begegnung an einem Brunnen.
Ich werde auf die Ereignisse der Welt wenig Einfluss haben, aber doch immer sehr viel mehr auf mich selbst.
Ich wünsche uns jedenfalls, dass wir neben dem vielen Geist- und kraftlosen das unseren Alltag beeinflusst und manchmal bestimmt, auf Worte treffen, die in uns das Leben zum Sprudeln bringen. Ich wünsche uns, dass wir den Glauben an die Kraft des Innehaltens und heilsamer Worte haben, so wie die Frau aus Samarien. Amen.